„Würde noch weitere Kräfte freistellen“

Mitarbeiter von Pikatron und Jarltech unterstützen tagsüber die Usinger Feuerwehr

Pikatron-Geschäftsführer Dr. Wilhelm Hickmann (v.r.) lobt das Engagement von Jürgen Zipser. Er würde bei Bedarf auch weitere Kräfte für Feuerwehreinsätze freistellen. Foto Seifert

Eben noch hat Jürgen Zipser elektronische Bauteile montiert, nun sitzt er auf dem Hilfeleistungslöschfahrzeug der Usinger Feuerwehr und ist mit einer kompletten Einsatzgruppe unterwegs zu einem Verkehrsunfall. Denn der Pikatron-Mitarbeiter darf tagsüber seinen Arbeitsplatz für dringende Feuerwehreinsätze verlassen.

Das Unternehmen, seit 1974 in der Buchfinkenstadt, entwickelt und fertigt elektromagnetische Bauelemente und Geräte. Vor knapp zwei Jahren kamen Bürgermeister Steffen Wernard und Pikatron-Geschäftsführer Dr. Wilhelm Hickmann bei einem Empfang ins Gespräch. Wernards Anliegen war es, mehr Feuerwehrleute für den Tageseinsatz zu generieren. Denn der Brandschutz zählt zu den kommunalen Pflichtaufgaben. Und weil viele freiwillige Feuerwehrleute tagsüber außerhalb der Stadt arbeiten, stehen  für Einsätze zwischen 7 Uhr morgens und 16 Uhr am Nachmittag meist nur wenige Helfer aus den eigenen Reihen zur Verfügung. Was lag da näher, als bei den Usinger Arbeitgebern anzufragen, ob es  möglich wäre, ausgebildete Feuerwehrleute für Einsätze freizustellen. Dr. Hickmann zeigte sich von der Idee überzeugt und sagte zu, Jürgen Zipser für Tageseinsätze in Usingen während der Arbeitszeit freizugeben.

Auch bei der benachbarten Firma Jarltech stieß der Bürgermeister mit seinem Anliegen auf offene Ohren. Dort arbeiten Peer Bittendorf, Roman Janschke und Volker Pröser. Die drei Mitarbeiter sind normalerweise in ihren Heimatkommunen Wettenberg und Schmitten aktive Feuerwehrleute. Seit Mai 2017 rücken sie auch mit der Usinger Feuerwehr zu Brand- und Hilfeleistungseinsätzen aus. Damit die vier Helfer möglichst rasch zur Unterkunft der Wehr  in die Weilburger Straße kommen, bringt Jörg Zipser täglich den Mannschaftsbus der Wilhelmsdorfer Feuerwehr  zur Arbeit mit. In dem Usinger Stadtteil engagiert sich der Pikatron-Mitarbeiter seit vielen Jahren im Brandschutz und koordiniert als stellvertretender Wehrführer gemeinsam mit Markus Buhlmann die Aufgaben der Einsatzabteilung. Mit dem Feuerwehrbus holt Zipser im Alarmfall die Jarltech-Kollegen vor deren Firma ab. Eine kurze Abstimmung per WhatsApp macht’s möglich. Und dann geht es auf direktem Weg und mit Blaulicht und Signalhorn zum Feuerwehrstützpunkt.

„Mit dem Feuerwehrfahrzeug sind die Helfer schneller und sicherer unterwegs“, erklärt Usingens Stadtbrandinspektor Michael Grau, der die Idee mit dem Zubringerfahrzeug hatte. Denn wie sollen andere Verkehrsteilnehmer wissen, dass ein Feuerwehrmann in seinem privaten Auto gerade auf einer dringenden Anfahrt zur Feuerwehr ist? Pikatron-Geschäftsführer Dr. Hickmann ist von dem Konzept mit den Tageseinsatzkräften begeistert. „Es wird nicht ausgenutzt. Ich halte den Aufwand für die Firma  vertretbar und würde noch weitere Kräfte im Bedarfsfall freistellen“, unterstreicht der Pikatron-Chef. Und Potenzial gäbe es durchaus. Denn im Unternehmen arbeiten noch drei weitere ausgebildete Helfer aus anderen Kommunen, die sich allerdings zurzeit eher nicht durchringen können, während ihrer Arbeitszeit bei der Usinger Wehr mitauszurücken. 

Für Stadtbrandinspektor Michael Grau ist das Projekt mit den externen Tageskräften ein echter Erfolg. Denn neben dem Feuerwehrbus, der die vier Helfer von Pikatron und Jarltech zum Einsatz bringt, steht ein weiterer Einsatzbus direkt hinter dem Rathaus. Dort arbeiten Stadtkämmerer Sebastian Knull, Sascha Herr von der Stadtkasse und Ramona Jänisch im Gremienbüro. Alle drei sind ausgebildete Einsatzkräfte und ergänzen das Team der Tageskräfte. Zu ihnen gesellen sich noch Konstantin Fink von der Nassauischen Sparkasse und Jan Schütrumpf von der Volksbank.

Auch diese Arbeitgeber unterstützen das Konzept der Usinger Wehr. Mit dem Mannschaftsbus gelangen sie in wenigen Minuten zum Feuerwehrstützpunkt und fahren dann mit der übrigen Einheit zum Einsatz. „Hätten wir diese beiden Busse nicht im Stadtgebiet stationiert, würde die Anfahrt der Helfer wesentlich länger dauern. Denken wir nur an die Rush Hour oder das Schulende am Mittag. Da ist oft kein Durchkommen“, gibt Feuerwehrchef Grau zu bedenken.

Dabei gilt in Hessen eine gesetzliche Rettungsfrist von zehn Minuten; soll heißen: Innerhalb von zehn Minuten nach dem Notruf muss ein erstes Hilfsfahrzeug am Einsatzort sein. Diese Regelung gilt sowohl für die Notfallrettung, wie auch für Feuerwehren. Natürlich ergänzen die ehrenamtlichen Helfer der Usinger Feuerwehr auch an Werktagen die externen Tageskräfte, so sie denn dienstfrei oder Urlaub haben und vor Ort sind. Und zwischen 16 Uhr und 7 Uhr sind sie dann ausschließlich für die Abwicklung aller Einsätze verantwortlich. Dann sind nämlich die Kräfte aus Verwaltung und Gewerbe längst auf dem Weg in den Feierabend. Einen Wermutstropfen allerdings plagt den Usinger Stadtbrandinspektor noch: Der Feuerwehrbus am Rathaus ist inzwischen über 30 Jahre alt. Hier hofft der Feuerwehrchef, in nächster Zeit ein Ersatzfahrzeug anschaffen zu dürfen. Keineswegs soll es ein nagelneues Feuerwehrauto sein. Ein gut gebrauchter Kleinbus, der die Helfer schnell zur Wache bringt, reicht völlig aus. 

Die Firma Pikatron, die Jürgen Zipser gerne für den Dienst am Nächsten zur Verfügung stellt, ist übrigens auch Mitglied im Förderverein der Usinger Wehr. Mit dem jährlichen Mitgliedsbeitrag leistet das Unternehmen einen weiteren Beitrag zum Brandschutz und zur Sicherheit in der Stadt. Denn aus den Beiträgen und Spenden des Feuerwehr-Fördervereins werden viele Ausrüstungsgegenstände, Bekleidung oder Nachwuchsprojekte finanziert. 

Kommentar

Externe Tageskräfte aus Gewerbe und Verwaltung und dazu noch  Fördermitgliedschaften von Unternehmen Der Dialog zwischen Feuerwehr, Kommune und Wirtschaft in Usingen ist ein gutes Beispiel dafür, wie kommunaler Brandschutz und ehrenamtliches Engagement verknüpft und zukunftsfähig gemacht werden kann. damit sich die Bürger der Stadt rund um die Uhr in Sicherheit wiegen können. 

Andreas Seifert